Montag, 14. August 2017

Vier mal Frankreich: von Unten, von der Mitte und von Oben

Präsidentschaftswahl 2017 1.Wahlgang - NF/Le Pen: Dunkelblau


Im Juni 2017 scheint vieles klarer zu sein: Bei den Wahlen zur Nationalversammlung erreichte der rechtsextreme Front National nur 8 Mandate, das waren zwar 6 mehr als noch bei der letzten Wahl, aber mit 8,8% der Stimmen weit weniger als man nach den Präsidentschaftswahlen (Le Pen: 33,9% im 2. Wahlgang) und den Regionalwahlen im Dezember 2015 (ca. 28% im 1. Wahlgang) befürchten musste.


Links dazu:
FAZ 13.12.2015: Herbe Niederlage für Front National von Michaela Wiegel, Paris
Wikipedia: Präsidentschaftswahl in Frankreich 2017
Wikipedia: Parlamentswahl in Frankreich 2017


Ist also alles in Ordnung in Frankreich?
Ich habe im Vorfeld der letzten beiden Wahlen 4 Bücher gelesen, die ich vorstellen möchte. Es sind Bücher, wie ich sie gerne lese, weil man sie auch als klassische Milieustudien verstehen kann. Dafür sehe ich es auch mal nach, wenn sie erzählerisch nicht so viel hergeben.
Vielleicht helfen sie aber die Lage besser zu verstehen.



In der Reihenfolge ihres Erscheinens:


Jérôme Leroy: Der Block

Klappentext
Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten - der Patriotische Block - steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation. Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär - Stanko jedenfalls soll morgen tot sein. Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts.
Da fast alles schon von anderen gesagt und geschrieben wurde, hier einige Zitate zum Buch:

SWR2 DIE BUCHKRITIK Jérôme Leroy: Der Block. Rezension von Diyna Netz:
“Ein kleiner Schönheitsfehler ist, dass Nautilus das Buch als Kriminalroman vertreibt. Wer einen klassischen Who-Done-it-Krimi erwartet, dürfte allerdings enttäuscht werden. Zwar erzählt Stanko, während er auf seine Mörder wartet. Im Mittelpunkt des Romans stehen aber ganz klar das Gesellschaftspanorama und das Psychogramm der beiden Männer.” [...]“Jérôme Leroys Roman „Der Block“ ist ein echtes Wagnis: Leroy erzählt aus der Perspektive zweier absolut unheimlicher, gewalttätiger Männer, die einer rechtsnationalen Partei angehören. Und indem er sie menschlich macht, mit einer Familiengeschichte, Fehlern und Schwächen ausstattet, begibt er sich auf eine Gratwanderung: Die Unsympathen kommen einem fast nahe.”

Zwei Protagonisten

Aus einem Interview mit Leroy:
"Die beiden Erzähler zeigen zwei Typen, die man in extrem rechten Bewegungen findet: Die Intellektuellen Bürgerlichen, die sich radikalisieren und auf der anderen Seite harte Aktivisten und Skins, die fürs Grobe und Gewalttätige gebraucht werden." 
Interviewauszug Leroy radioeins rbb Die Literaturagenten, ab 4’:40’’ 
SWR2 DIE BUCHKRITIK Jérôme Leroy: Der Block. Rezension von Diyna Netz:
“Antoine ist ein Intellektueller, er war Lehrer, hat vor seiner Parteikarriere Bücher veröffentlicht. Aber es gab immer auch schon diese andere Seite an ihm, die Faszination für das Brutale. Trotzdem ist er nicht nur zum „Block“ gekommen, um gelegentlich Linke zu verhauen. Antoine geht es tatsächlich um den Sturz der althergebrachten Parteien, die er als zahnlos und nur um ihre eigenen Pfründe bemüht wahrnimmt. Stanko ist Antoines Schützling gewesen, ein orientierungsloser Skin, der dank Antoine zum stellvertretenden Sicherheitsbeauftragten des „Block“ aufgestiegen ist. Jahrelang hat er eine höchst effiziente Schlägertruppe befehligt, die viele Probleme der Partei auf ihre Weise gelöst hat und die Stanko nun – Ironie des Schicksals – selbst den Garaus machen soll. Die Liste der Gewalttaten im Buch ist übrigens ziemlich lang, auf ein paar Schlägereien hätte man durchaus verzichten können.” (leider nicht mehr online)

Erzählperspektive

Der Kriminalroman „Der Block“ und der Film „Chez nous“ sagen viel über Frankreich FAS 05.03.2017, von Annabelle Hirsch und Peter Körte
"Leroy hat sich für eine klassische Struktur entschieden: die des Dramas mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Mit der kleinen Variante, dass aus zwei Perspektiven erzählt wird: Stanko, der Chef des Sicherheitsdienstes des Blocks, spricht in der ersten Person Singular. Antoine, der rechtsdrehende Intellektuelle und Ehemann von Agnès, in der zweiten, in einer Art Zwiegespräch mit sich.”


Wie ich das Buch lese - Leroy und Houellebecq im Vergleich


Eine Gegenüberstellung von Personen und Konstellation des Buches von Leroy und dem von Houellebecq liegt nahe, behandeln sie doch beide das gleiche Thema: die Machtübernahme durch eine radikale Partei.


Houellebecq - Leroy: Ausgangslage

Auf den ersten Blick könnte die politische Situation nicht unterschiedlicher sein.
Bei Leroy die Chance für die Rechtskonservativen mit Hilfe der Rechtsextremen an die Macht zu kommen: Jede Nacht steigt  bei innenpolitischen Kämpfen die Zahl der Toten, die Linke hat politisch abgewirtschaftet ist und stellt nur noch eine lächerliche Karikatur ihrer einstigen Größe dar. Die dargestellte Situation gleicht dem Zustand Deutschlands um die Jahreswende 1932/1933, als die NSDAP mit Hilfe des Steigbügelhalters von Papen an die Macht gelangte und, das wäre jetzt allerdings eine Prognose für eine vergleichbare Situation in Frankreich, mit den Rechtskonservativen sehr schnell Schluss machte.

Bei Houellebecq dagegen erfolgt die Machtergreifung durch die Muslimbruderschaft mit Hilfe der Linken - eine Konstellation, die selbst Houellebecq im Augenblick für extrem unwahrscheinlich hält.* Aber im Hintergrund wartet der FN auf seine Chance in eine Situation zu kommen, wie Leroy sie beschreibt. 
Bei Houellebecq gibt es kein Entrinnen aus dem fatalen Dilemma zwischen extrem Rechts und Muslimbruderschaft, bei Leroy besteht immer noch die Chance, dass das rechte Bündnis scheitert und sich neue politische Konstellationen ergeben können.
*MICHEL HOUELLEBECQ „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“. Von Silvain Bourmeau | Veröffentlicht am 03.01.2015

Houellebecq - Leroy: Protagonisten

Bei der Wahl der Protagonisten gibt es deutliche Unterschiede zwischen beiden Büchern. Bei Houellebecq ist es der weiche, intellektuelle Francois, ein versponnener Einzelgänger, der vor allem am Lebensgenuss interessiert ist, aber gewaltlos und politisch eher uninteressiert und gleichgültig sein Leben lebt, so lange es gute Restaurants und willige Sexualpartnerinnen für ihn gibt.

Leroys Antoine dagegen ist eher zynischer Dandy als machtbesessener Ideologe. Einst ideologisch und kulturell nach allen Seiten offen, ist er beim Faschismus hängen geblieben, denn er verachtet die Schwäche der Linken. Er hasst die ’kleinen Möchtegern-Päpste der kulturgeilen Kaviar-Linken’ (S.10), das politische Chaos, das sie zu verantworten haben und den ‘Konsumismus’, den die gesamte französische Gesellschaft durchzieht (S.180fff). Ihn reizt Gewalt per se, wie sie einen Hooligan reizt, mit nahezu pathologischen Zügen seit seiner Kindheit in einer wohlbehüteten Familie eines Augenarztes (S.47). 
Die nie versiegende Quelle seines Engagements bei der extremen Rechte ist die Macht, die er verspürt, wenn die Aura von Brutalität, die seine Person ausstrahlt, sich als Hass und nackte Angst in den Augen einer jungen Araberin widerspiegelt (S.11). Er ist mehr an Testosteron als an Ideologie interessiert - und natürlich an Agnès, der Führerin des ‘Blocks’.

Auch zu Diedier Eribon und Édouard Louis könnte man eine Parallele ziehen: Stanko, der Underdog und Schläger, stammt aus dem gleichen Milieu wie Didier und Eddy und er teilt die politische Einstellung des Milieus: 


(S.76)


Der soziale Aufstieg erfolgt jedoch nicht durch Anpassung an die herrschende Kultur und Übernahme ihrer Werte sondern durch Ausspielen der spezifischen Eigenschaften, die man seiner Klasse nachsagt, Gewalt und Brutalität, und durch Auslieferung seines Lebensentwurfs  an den Intellektuellen Antoine, der im Hintergrund die Strippen zieht, die letztlich für Stanko zum Tode führen.  


Leroy - Houellebecq:  Kulturpessimismus und Konversion 

Trotz aller Gegensätze beim Setting und den handelnden Personen, gibt es zwei Übereinstimmungen zwischen Antoine und Francois: Es ist ihr Kulturpessimismus und die Bereitschaft zu konvertieren, illustriert an 2 Zitaten von Leroy:
Antoine:  "Ich sage Ihnen das im vollen ernst: Wenn es dem Block nicht gelingt, in den kommenden Jahren oder Monaten an die Regierung zu kommen - und da ich mir keinen Chip einpflanzen lassen will, denn am Ende werden sie sich auch die Alten wie uns vornehmen, Sie werden schon sehen, jene, die sich noch an die Welt davor erinnern, die noch Zeugnis ablegen können,- dann konvertiere ich zum Islam und ziehe nach einer Ausbildung in einem Al-Qaida-Trainingscamp in den Kampf im Sudan oder anderswo. Dann kann mir die Zivilisation der lebenden Toten gestohlen bleiben!" (S.188)[...]  
„Du fragst dich in dieser Nacht wirklich, was eher deinen Respekt oder dein Opfer verdient: eine Gesellschaft, in der neun von zehn Paaren, wenn sie aus dem Kino kommen, zuerst ihr Handy wieder einschalten, bevor sie miteinander sprechen oder eine Gesellschaft, in der eine junge, verschleierte Frau fähig ist, sich an einem Grenzposten selbst in die Luft zu jagen, im Namen ihres Volkes und ihres Glaubens?“ (S.189)
Francoise hätte es bei Houellebecq nicht besser ausdrücken können.


Resümee

Leroy und Houellebecq thematisieren komplementäre Dystopien: Peripherie vs. Zentrum; Rechte Koalition vs. Muslimisch-Links; Gewalt vs. Überredung, Überwältigung vs. Unterwerfung - mit Überschneidungen bei den Hauptprotagonisten: Ablehnung des derzeitigen Zustandes der liberalen Gesellschaft. Die Einen aus Verachtung, die Anderen als Resultat der Hilflosigkeit angesichts der sozialen Veränderungen.

Leroy zeigt, wie rechte Machtübernahme mit Hilfe der Konservativen als Steigbügelhalter funktioniert  und Houellebecq wie es komplementär mit der Linken als Steigbügelhalter einem politisch organisierten Islam gelingen könnte. 

Dennoch fühle ich mich beim Gedanken, dass es zu einer Situation kommen könnte, wie Houellebecq sie beschreibt unwohler als im gleichen Fall bei Leroy.
Eine extreme Rechte wird immer die Linke und die Liberalen, vielleicht auch die gemäßigten Konservativen als Gegner haben. Man wird auch mit sozialem Widerstand durch die Gewerkschaften gegen eine rechte Machtergreífung rechnen können. ‘Paris’ als Metapher für die politische und intellektuelle Klasse des Zentrums Frankreichs wird ebenfalls kaum ein erfolgreiches Pflaster für die extreme Rechte werden, wie die letzten Wahlen zeigten. 

Im anderen Fall sieht es vermutlich düsterer aus: Eine ‘Machterschleichung’ durch einen politisch organisierten Islam halte ich zwar wie Houellebecq für wenig realistisch, aber prinzipiell für gefährlicher. Wer würde sich ihm entgegenstellen? Der katholische Konservatismus wird sich vermutlich arrangieren, und die Rechte? Wird sie die Provinz gegen die Muslimbruderschaft in Bewegung setzen können? Ich habe da meine Zweifel wenn das ökonomische Szenario Wirklichkeit wird, das Houellebecq beschreibt.

Hoffen wir, dass es niemals zu einem der beiden Szenarien kommt. Der einzige Ausweg wäre vermutlich Auswanderung. 

Verweise / Links:


Jérôme Leroy im Interview bei Edition Nautilus (PDF)

Jérôme Leroy: Der Block.  Rezension von Dina Netz, SWR2 Die Buchkritik. Manuskript (leider nicht mehr online)

Kritisch: Französischer Thriller mit großer Aktualität. Von Antje Deistler DLF 19.4.2017

"Wegen der Möse einer Frau Faschist geworden". Von Marcus Müntefering, Spiegel Online

Frankreich vor der Wahl Ein Albtraum wird wahr. Von Annabelle  Hirsch und Peter Körte, FAZ 5.03.2017

„Der Block“ von Jérôme Leroy: Die Zukunft wird mit Blut geschrieben. Von Werner Van Bebber. Der Tagesspiegel vom 20.04.2017

Krimi und Rechtspopulismus - Sprache der Gewalt. Von Alex Rühle SZ 3.4.2017

Reise ans Ende der Nacht. Von Christian Bommarius  FR 21.04.2017


Sonntag, 6. August 2017

Michel Houellebecq: Unterwerfung




Auszug Klappentext:

Houellebecq “erzählt in >Unterwerfung< die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.” Und, so muss man ergänzen, die damit endet, dass Francois zum Islam konvertiert, denn das Angebot ist einfach zu verlockend.”

Francois ist Literaturprofessor mit Spezialgebiet Huysman und fest im Leben verankert: Gutes Essen, viel Alkohol, abwechslungsreicher Sex stehen im Mittelpunkt seines Lebens. Die Arbeit im Seminar der Universität sorgt zuverlässig jedes Jahr für Nachschub an jungen Sexualpartnerinnen. Mental eher antriebslos und passiv, schlurft er gleichgültig durch seinen Alltag. Sein Äußeres darf man sich durchaus als eine Kopie von Houellebecq vorstellen.
Nervig sind für ihn allenfalls die Anmaßungen der Bürokratie. Nichts ist für ihn schwerer zu erledigen als ein Versicherungsformular ausfüllen zu müssen.

Aber die politischen Verhältnisse im Jahr 2022  sind schwierig. Bei der Wahl des Staatspräsidenten stehen sich der Front National und die Muslimbruderschaft gegenüber. Die Linke und die Konservativen schlagen sich auf die Seite der Muslimbruderschaft, um den Sieg der Rechten zu verhindern. Außerdem locken bei den politischen Muslimen mehr Vorteile. 

Der Kandidat der Muslimbruderschaft, “wohlgenährt und heiter”, einst Absolvent der französischen Kaderschmiede ENA,  gewinnt im 2. Wahlgang. Der Umbau der Gesellschaft erfolgt prompt und absolut gewaltlos durch Kauf der intellektuellen, akademischen Elite -  und wenn man sie nicht kaufen kann, entlässt man sie in die gute bezahlte Altersfreizeit. Für die Finanzierung sorgen die Saudis mit unerschöpflichen Geldmitteln.
Die Unterwerfung unter die Scharia wird erwünscht, aber nicht erzwungen. Zur Not werden in der Gesellschaft islamische Parallelstrukturen aufgebaut und gefördert, so bei Schulen und Universitäten. Die Anpassung an die neue herrschende Kultur ist zwar unumgänglich, hat aber auch sehr schöne Seiten für Männer: Man darf sich eine jüngere Frau (gerne auch mehrere) für die Freuden des Lebens wählen und eine ältere für die Herausforderungen des Alltags (Kochen, Kindererziehung). Dafür erhält man eine höchst zufriedenstellende staatliche Apanage. Zur Finanzierung streicht der Staat alle Sozialleistungen und verweist auf die Familie als alleinige Instanz zur sozialen Absicherung. Frauen werden aus der Arbeitswelt gedrängt, jüngere Männer übernehmen deren Plätze, der industrielle Niedergang wird durch Förderung von Handwerk und Kleingewerbe kompensiert. Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch. Leider sieht man auf den Straßen keine Sexualobjekte mehr. Dennoch konvertiert am Ende auch Francois.


Wie lese ich diesen Roman? 


Für mich steht im Zentrum der Kritik Houellebecqs das opportunistische Verhalten nicht nur der Linken und der Sozialdemokraten, sondern der Opportunismus und die Dekadenz der gesamten politischen Klasse und vor allem des intellektuellen/akademischen Milieus, das für das sprichwörtliche Linsengericht alle Werte und Überzeugungen aufgibt und sich den Forderungen des gemäßigten politischen Islams bedingungslos unterwirft. 
“Dabei hätte man, schien mir, durchaus kritische Fragen stellen können: nach der Abschaffung der Koedukation etwa. Oder nach der Tatsache, dass die Lehrer sich zum Islam bekennen sollten. Aber war das bei den Katholiken nicht ähnlich? Musste man nicht getauft sein, um an einer christlichen Schule zu unterrichten?” [...] Es gab ein paar Zweifel allgemeiner Art, aber vor allem das Gefühl, dass da nichts war, worüber man sich aufregen müsse, nichts wirklich Neues.” (S.96)
Mit Geld und dem Versprechen auf Polygamie plus Karriere kann man sie alle kaufen. Materielle Anreize statt Druck ist die Methode der Muslimbruderschaft. Selbst ein Vertreter der extrem rechten ‘Identitären’ (Rediger), erliegt den Verlockungen und übt sich erfolgreich in geschmeidiger Anpassung, ein typischer Wendehals. Indifferente, abseitsstehende Hochschullehrer und Intellektuelle kann die neue Regierung mundtot machen, indem sie ihnen eine freiwillige Kündigung, versüßt durch eine außergewöhnlich hohe Pension, nahelegt, die das tägliche gute Essen garantiert und sonst nichts verlangt.

Damit liegt für mich die Sprengkraft der Kritik Houellebeqcs in der deutlichen Kritik an de Politik der Linken, die sich in der Fixierung auf die Nationale Rechte lieber mit den Muslimen verbindet als für klassische liberale Freiheitsrechte zu kämpfen. Wer die Ursachen aller Übel in der Welt nur im Neoliberalismus sieht und selbst keine kulturellen Werte mehr vertritt, hat natürlich keinen Blick für die Herausforderungen eines totalitären und radikalisierten Religionsverständnisses. Hier hat Houellebecq einen wunden Punkt getroffen, und deshalb wird er auch von Linken so entschieden bekämpft. Natürlich auch für einen Satz wie diesen:
 “Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderts Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden wäre; der Intellektuelle in Frankreich musste nicht verantwortlich sein, das lag nicht in seinem Wesen.” (S.243) 
Beispielhaft  für die linke Kritik ein Interview mit Eduard Louis:  Édouard Louis: Wenn die Eltern Le Pen wählen. Ein Gespräch in Paris Interview: Elisabeth von Thadden 9. März 2017
Houellebecq sieht aber auch noch eine andere Ursache für den Niedergang  der westlichen Idee von Freiheit und Aufklärung - der Verlust von Spiritualität:
“Ich glaube, es gibt ein echtes Bedürfnis nach Gott, und dass die Rückkehr des Religiösen kein Slogan ist, sondern eine Realität, die uns nun gerade mit erhöhter Geschwindigkeit einholt.” [...] Es gibt ja nicht nur den Islam, der davon profitiert, in Nord- und Südamerika sind es eher die Evangelikalen. Es ist kein französisches Phänomen, sondern beinah ein weltweites. Was Asien betrifft, bin ich nicht sehr informiert, aber der Fall Afrikas ist interessant, denn dort haben die beiden großen religiösen Kräfte Zulauf: Die Evangelikalen und der Islam. Ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft ohne Religion halten kann.” [...] Hinter die Philosophie der Aufklärung kann man ein Kreuz machen: verstorben. Ein schlagendes Beispiel: Die verschleierte Kandidatin auf der Wahlliste des linksextremen Politikers Olivier Besancenot, das ist ein perfektes Beispiel für den Widerspruch. Aber es sind ja nicht nur die Muslime, die sich in einer schizophrenen Situation befinden, wenn es um das geht, was man traditionellerweise die Werte nennt. Die Rechtsextremen haben da mehr mit den Muslimen gemein als die Linke. Es gibt mehr fundamentale Widersprüche zwischen einem Muslim und einem atheistischen Laizisten als zwischen einem Muslim und einem Katholiken, das erscheint mir offensichtlich. 
Michel Houellebecq: „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“ Von Silvain Bourmeau Veröffentlicht am 03.01.2015 
Das Scheitern der Philosophie der Aufklärung und der Verlust an Religion und Metaphysik  ist das entscheidende Movens für die Kritik Houellebecqs. Ein Verlust, den ich nicht empfinde; was das Scheitern der Aufklärung angeht, bin ich mir allerdings nicht so sicher.

Man kann das Buch Houellebecqs auch als eine aktuelle Variante des ‘Verrats der Intellektuellen’ (Julien Benda) lesen. Bendas Kritik an der mangelnden Distanz der Intellektuellen gegenüber dem Stalinismus ersetzt Houellebecq durch die prognostizierte unkritische Haltung der Intellektuellen gegenüber einem politisch organisiertem Islam.

Mir drängt sich eine weitere Parallele in der französischen Geschichte auf, denn der Subtext des Romans könnte auch lauten: Roman einer Kollaboration, und die Parallele bezieht sich auf das Verhalten der politischen Klasse Frankreichs unter der deutschen Besetzung, insbesondere was das akademische Leben in Paris angeht.
So stark die Resistance in Frankreich war, es gibt auch die andere Seite, die der Anpassung, Kollaboration und Duldung der Besatzung, weil die Kulturpolitik der deutschen Besatzer vielen eine Weiterarbeit ermöglichte. Manche Methoden scheint Houellebecq direkt dieser Zeit entnommen zu haben:
"Außer den engagierten Kollaborateuren handelten die meisten Journalisten eher opportunistisch, durch materielle Anreize geködert (während die übrigen Gehälter in Frankreich eingefroren wurden, wurden ihre Bezüge auf Veranlassung der Propagandastaffel verdoppelt) oder aus Feigheit denn aus ideologischen Gründen." 
https://de.wikipedia.org/wiki/Kollaboration_in_Frankreich_(1940%E2%80%931944)#Die_Kollaborations-Presse_oder_.C2.BBKollaboration_der_Feder.C2.AB 
Außerdem ähnelt das Programm der Muslimbruderschaft doch erstaunlich stark dem Programm der Kollaborationsregierung im unbesetzten “Vichy-Frankreich” unter Pétain und Laval: Arbeit, Familie (und: Vaterland).

Houellebecq räumt in einem Interview allerdings ein, dass er eine politische Organisation aller Muslime, in einer einzigen Partei mit Chancen auf eine Mehrheit bei Präsidentschaftswahlen, angesichts ihrer Zersplitterung für wenig wahrscheinlich hält.

Ist ‘Die Unterwerfung’ also nur ein Denkspiel, eine fatale Möglichkeit, Anlass zum kritischen Beobachten der Veränderungen? Ist das frankreichspezifisch oder ein allgemeingültiges Denkspiel? Oder ist es eine Dystopie und - wohin treiben wir, und sind wir nur Getriebene oder rudern wir schon mit?


Verweise:

Wikipedia: Unterwerfung (Roman)

Die Welt: Michel Houellebecq: „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“
Von Silvain Bourmeau | Veröffentlicht am 03.01.2015

Weitere Rezensionen:

Die Welt: 2022 darf Frankreich endlich sein Gehirn abgeben
Von Tilman Krause | Veröffentlicht am 09.01.2015 

Sascha Seiler: Unterwerfung? Ist die von Michel Houellebecq beschriebene „Unterwerfung“ nur eine ästhetische Spielerei oder entspringt sie einer politischen Vision? Eine mediale Spurensuche

Caroline Mannweiler: Auflösung in die Ordnung. Michel Houellebecqs Roman zur Lage der Nation


Freitag, 28. Juli 2017

Édouard Louis: Das Ende von Eddy


Klappentext

Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer geglückten Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. ›Das Ende von Eddy‹ ist sein Debütroman, der zu einem großen Erfolg und einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen des Jahres wurde. 

Eddy:
"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt." 
Das Buch von Édouard Louis ist kein Roman und auch nicht "mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt", wie der Klappentext vollmundig behauptet, dennoch ist das Buch unbedingt lesenswert. Édouard "Eddy" Louis' Schilderung eines unerträglichen Lebens voller Gewalt, Hass und Demütigung, als schwules Kind in der französischen Provinz, lässt keinen Leser unberührt. Es ist eine einzige Anklage des Milieus, dem er entrinnen konnte. Ein Milieu, das gekennzeichnet ist durch endloses Gerede über Nachbarn und Verwandtschaft, stumpfsinnigem Fernsehkonsum rund um die Uhr, einer vulgären Sprache, einer gewalttätigen Art und Weise Konflikte zu lösen, dem Suff als hauptsächlichem Freizeitvergnügen neben dem Fernsehen, Homophobie und nicht zuletzt durch eine reaktionäre Einstellung gegenüber allem, was vom Hergebrachten abweicht: Die Frau, die plötzlich mehr verdient als der arbeitslose Mann, der tuntige Sohn, der gerne sich als Mädchen verkleidet, auf die weiterführende Schule geht und plötzlich nicht mehr den gängigen vulgären Umgangston pflegt. All das darf nicht sein und wird deshalb hasserfüllt und brutal mit Schlägen sanktioniert. Selbstverständlich wählt man Le Pen. 


'Das Ende von Eddy' ist weniger analytisch als das thematisch ähnliche Buch von Eribon, aber viel überzeugender in der Darstellung der alltäglichen physischen und strukturellen Gewalt - und überhaupt nicht wehleidig, was man Eribon leider vorwerfen kann.


Wie gelingt es Eddy aus dem Milieu auszusteigen? Es ist, trotz der unglaublichen Gewalt, die er dort täglich von Mitschülern erleiden muss, die Schule, sein Interesse am Lernen, ein Lehrer, eine Schulleiterin, die ihm den Weg zur höheren Schulbildung eröffnen und damit den Aus- und Aufstieg aus seinem Milieu ermöglichen. Aber vor allem ist es seine Rolle als gesellschaftlicher Außenseiter. Er hatte keine Alternative, wollte er ein besseres Leben führen und der täglichen Gewalt entrinnen. Hierin gleicht sich sein Schicksal dem Eribons; es ist sicher kein Zufall, dass beide homosexuell sind
Beiden wurde die Chance zum Aus- und Aufstieg geboten und beide wussten sie zu nutzen.

Manches ist mir vertraut aus meiner eigenen Kindheit in ähnlichem, aber weit weniger hoffnungslosem Milieu in den 50er Jahren. Was mich deshalb am meisten deprimiert an dem Buch: Eddy ist 1990 geboren, und in 40 Jahren scheint sich, außer dem fatalen Einzug des Fernsehers ins Familienleben, nicht viel geändert zu haben. Im Gegenteil, es wurde schlimmer.

Édouard Louis hat kein Rezept, wie sich die Verhältnisse verbessern lassen*, er hat auch keine Antwort auf die Frage, wie es geschehen konnte. Sein Buch ist aber ein einziger Aufschrei: "Seht hin, was da passiert". Und man müsste ergänzen und den Beteiligten zurufen: "Warum lasst ihr das zu? Wer hindert euch daran, eure Frauen und Kinder anständig zu behandeln, wer hindert euch daran, euren Kinder Bildung zukommen zu lassen,? Wer zwingt euch zu dem mitleidlosen und brutalen Umgang miteinander? Ist es nicht das selbst erzeugte und weitergegebene Milieu, das euch daran hindert, menschlicher miteinander umzugehen? Wer, wenn nicht ihr selbst, kann diese Verhältnisse ändern?"

* Hierzu die Einschränkung, dass sich Louis in Interviews durchaus zu den Ursachen des Elends geäußert hat. Es ist, natürlich muss man fast sagen, der Neoliberalismus und der Verrat der Linken. Hier unterscheidet er sich nicht im geringsten von Eribon.
Siehe: Frankreich vor der Wahl: Édouard Louis über die vergessene Arbeiterklasse - SPIEGEL ONLINE Dienstag, April 25, 2017


Weitere Links zu Buch und Autor: 

Édouard Louis im Corso-Gespräch mit Dirk Fuhrig /Deutschlandfunk

Ulf Lippitz: Bestsellerautor über Homophobie - Erinnerungen an ein Familiendrama / Tagesspiegel (mit Foto des Geburtshauses)

Grußwort von Staatsminister Michael Roth bei der Gesprächsrunde zum Thema "Ausgrenzung und Gewalt gegen sexuelle Minderheiten – wenn Literatur Politik trifft" mit dem französischen Autor Édouard Louis am 12. März 2015 


Rezensionen:

Und er nahm eine Axt und kappte seine Wurzeln - Édouard Louis‘ Debütroman erzählt von der Befreiung aus einer Kindheit voll Demütigung und Intoleranz 

Homophobie in der Provinz. Ein Herz, verschlossen wie eine Auster. Von Franziska Wolffheim (Spiegel)

Abrechnung und Aufbegehren von Matthias Hennig (NZZ 31.3.2015)

Übersicht aller Buchrezensionen:

http://literaturkritik.de/public/buecher/Buch-Info.php?buch_id=40157

Freitag, 21. Juli 2017

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims




Klappentext

"Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller Das Ende von Eddy."


Insgesamt war für mich die Lektüre zwiespältig: Einerseits stört mich ein larmoyanter (vor allem im Kapitel I.2 und II.4), streckenweise arroganter Ton (S.80) und eine für einen Soziologen auffallend konfuse Begriffsbildung für ein und dieselbe soziale Gruppe: Arbeiterklasse, untere Schichten, populäre Klassen, populäre Milieus (S.37) etc. Auch sind  Theorie-Exkurse im Abschnitt IV zu Bourdieu etc. für mich wenig ergiebig. 

Andererseits fasziniert mich seine präzise und durchaus schonungslose Beschreibung des sozialen Milieus im Vor- und Nachkriegs-Reims und dessen Wandel, dem Eribon entstammt: Es ist die Biographie eines 'Klassenflüchtlings', seiner Eltern und Großeltern. 
Wie ist es Eribon gelungen diesem Milieu zu entkommen? Wie gelingt ihm der Aufstieg vom schwulen Unterschichtskind zum Intellektuellen? Was waren fördernde, was hinderliche Faktoren des Auf- und Ausstiegs? 

In den Mittelpunkt seiner „Rückkehr nach Reims“ stellt Eribon eine andere Frage:
"In meiner Kindheit [...] ist meine gesamte Familie 'kommunistisch' gewesen [...]. Wie konnte es dazu kommen, dass man in derselben Familie wenig später rechte oder rechtsextreme Parteien wählte und dies sogar manchmal als die 'natürliche' Wahl empfand?" (S.117)

Eribon gibt 2 Antworten:
 "Hätte man aus dem, was tagtäglich in meiner Familie gesprochen wurde, ein politisches Programm stricken wollen, es wäre, obwohl man hier links wählte, dem der Rechtsextremen wohl ziemlich nahe gekommen." (S.133)
und 
"Vielleicht ist das Band zwischen der 'Arbeiterklasse' und der Linken gar nicht so natürlich, wie man gerne glaubt. Vielleicht handelt es sich dabei einfach um das Konstrukt einer bestimmten Theorie (des Marxismus), die alle anderen Theorien ausgestochen hat und bis heute unsere Wahrnehmung der sozialen Welt sowie unsere politischen Kategorien bestimmt." (S.141) 

Das ist eine spannende Frage mit zwei bitteren Antworten - leider nimmt Eribon seine Antworten selbst zu wenig ernst. 




Liest man Eribons Familiengeschichte, so fällt auf, dass der politische Wechsel von Links nach Rechts eine verblüffende und gleichzeitig verstörende Konstante hat: Es ging und geht immer noch um den Gegensatz: „Wir gegen Sie“ (S.39; S.137f). Nur das Gegenüber wurde im 21. Jahrhundert ausgetauscht, nicht die Konstellation. Statt gegen 'die da oben' nun gegen 'die da unten'. Der Klassenhass wird durch den Rassenhass ersetzt.

Eribon will das aber nicht zur Kenntnis zu nehmen. 
Für ihn ist der Wechsel von Links nach Rechts Ergebnis des Umschwenkens der 'Linken' ins neoliberale Lager, des Verrats der Linken an der Arbeiterklasse, ihrer „Modernisierung“, wie er auch in Interviews immer wieder betont*. Der Wechsel ist für ihn nicht Ergebnis sozialer Veränderungen vor Ort, oder des Gegensatzes Zentrum-Peripherie in Frankreich, oder gar Ergebnis einer partiellen Maghrebisierung der französischen Gesellschaft. Es ist für mich bezeichnend, dass der Siegeszug des FN im Süden Frankreichs begonnen hat und nicht im entindustrialisierten Norden.

Laut Eribon könne nur die Rückkehr der Linken, im Speziellen der Parti Socialiste PS, zu ihren alten politischen Ideen und Konzepten eine erfolgversprechende Strategie gegen den Aufstieg des FN sein und die Gesellschaft dem Heil wieder näher bringen. 




Damit hängt er aber einem marxistischen Denken an, das in den 70er Jahren populär war und in Frankreichs intellektuellen Kreisen vermutlich noch immer ist. Zur Gegenwartsanalyse trägt das aber nichts Überzeugendes bei und ist in meinen Augen nur noch lächerlich. Den ‚Neoliberalismus‘ für alles verantwortlich zu machen, was schief läuft, ist ein Zeugnis für Denkfaulheit und nicht für marxistische Analyse.

Ich setze eine steile These dagegen: 


Ursache für den politischen (nicht kulturellen, denn kulturell war die Arbeiterklasse immer konservativ bis rechts) Rechtsschwenk der 'Arbeiterklasse' ist nicht der Popanz 'Neoliberalismus' und die sich daraus ergebende soziale Ausgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, sondern in erster Linie der soziale Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, die Auflösung des sozialen Milieus der politisch gebildeten Industriearbeiterschaft und damit einhergehend die Ausdünnung der politischen Vertreter der Arbeiterklasse durch sozialen Aufstieg.

Früher war die Arbeiterbewegung auch eine Arbeiterbildungsbewegung mit Lesekreisen, Buchgenossenschaft, Fortbildungsveranstaltungen, Kulturvereinen etc. Sie umfasste nicht nur ein breites Spektrum an Freizeitaktivitäten sondern bot für alle Lebenslagen Hilfe und Unterstützung an. In diesem Milieu war sozialer Aufstieg möglich als Gewerkschaftsfunktionär, Parteisoldat, Lokal- und Regionalpolitiker (in Deutschland zusätzlich: Funktionär bei Sozialverbänden wie AWO, VdK etc.), d.h. Bildung führte früher zum Aufstieg als Funktionär innerhalb der Klasse.

Die Auflösung des sozialen Milieus, die Vereinzelung ihrer ehemaligen Mitglieder und ihre 'Verbürgerlichung', wie Eribon S.79 beklagt, hervorgerufen durch höhere Einkommen und verbesserte Konsummöglichkeiten im Vergleich zur Vorkriegszeit und, nicht zu unterschätzen, die Einflüsse der Kulturindustrie in Gestalt des Einzugs des Fernsehens als Leitmedium, führte nicht nur dazu, dass die traditionellen Kultur- und Freizeiteinrichtungen sich auflösten sondern auch dazu, dass heute eine Karriere als Funktionär weder attraktiv noch möglich ist. Sozialer Aufstieg durch Bildung ist jetzt nur noch möglich durch Ausstieg aus der sozialen Klasse. 

In der Vorkriegszeit und noch danach wäre Eribon wahrscheinlich Partei- oder Gewerkschaftsfunktionär geworden und irgendwann vielleicht sogar in Paris angekommen. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs der 60er Jahre wurde er erst Student und dann Hochschullehrer und landete auf diesem Weg in Paris bzw. heute in Amiens.

Zurück bleibt eine verunsicherte, sich bedroht fühlende Gesellschaftsschicht, die keine akzeptierten Ansprechpartner mehr hat, sondern Beute von Extremisten ist, die ihre Ängste aufnimmt, die zwar nicht MIT ihr spricht, aber immerhin ZU ihr und das Gefühl vermittelt: Hier werden meine Ängste ausgesprochen, hier sind wir ‚chez nous‘. Exemplarisch vorgeführt haben dies Donald Trump und Marine Le Pen, die sich in ihrer Demagogie gleichen wie ein Ei dem anderen.
Die Beschwörung glorreicher vergangener Zeiten einer dominanten Linken und eine Rückkehr zu deren Ideen wird dem aber nicht Einhalt gebieten können. Auch das haben die letzen Wahlen in Frankreich gezeigt.


Für mich ist noch ein anderer Aspekt des Buches unbefriedigend: die kaum reflektierte Rolle der Bildung beim sozialen Aufstieg vom Arbeiterkind zum Intellektuellen. Einerseits kritisiert Eribon den Klassencharakter des franz. Gesamt(!)schulsystems, andererseits betont er, "die schulische Selektion basiert oft auf Selbstexklusion und Selbsteliminierung, die Betroffenen reklamieren ihren Ausschluss als Resultat ihrer eigenen Wahlfreiheit" (S.44), ohne zu sehen, dass der erste Satz im Widerspruch zum zweiten steht. 

Da er ja offensichtlich von diesem Schulsystem profitiert hat, hätte ich von ihm als Soziologen erwartet, dass er sich mehr damit auseinandersetzt, warum IHM der Aufstieg möglich war, seinem nahezu gleichaltrigen Bruder aber nicht. Die Andeutungen zur Rolle seiner Mutter in diesem Prozess sind mir zu dürftig,** und seine eigene Erklärung, nur durch Abgrenzung vom eigenen Milieu sei das möglich geworden, erklärt letztlich nichts.

Zur Rolle von Bildungsneugier, Schule und einzelnen Lehrern beim sozialen Aufstieg, kann man in den Romanen von Ulla Hahn ‚Das verborgene Wort‘ und 'Aufbruch' mehr erfahren https://de.wikipedia.org/wiki/Aufbruch_(Roman)


Insgesamt ist das Buch von Didier Eribon also eine verstörende, aber auch zwiespältige Lektüre mit vielen spannenden Fragen, aber leider ohne befriedigende Antworten.


Anmerkungen / Links:

* So zuletzt im Interview "Der Zeitgeist ist faschistoid" vom 6.4.2017:

„In den 80er-Jahren war die Kommunistische Partei quasi verschwunden und die sozialdemokratischen Linken wollten sich modernisieren. Bei diesem Prozess wurden alle Ideen und Diskurse zu Unterdrückung und Klassenkampf aufgegeben. Eigentlich alles, was bisher die Linke charakterisierte. Die Unterschiede zwischen Marx und Tocqueville, zwischen Jean-Paul Sartre und Raymond Aron usw. gab es nicht mehr. Die Linken haben einfach den Neoliberalismus übernommen.Es gab auf einmal keine "Arbeiterklasse" mehr, sondern "Verlierer der Globalisierung". Die Feinde waren nicht mehr die Besitzer und die Bourgeoisie, sondern die Privilegierten und die Migranten. Das Vokabular hat sich verändert, und damit auch die Wahrnehmung der Realität und schließlich die Wahl: Die Linken haben die Probleme der Unterschichten vernachlässigt, ihre Wählerschaft hat sie für den Front National verlassen. Dies geben viele linke Intellektuelle ungern zu. Ein solcher Wandel zeigt nämlich, dass es keine natürliche Verbundenheit zwischen den Unterschichten und den Linken gibt. Besser ist es aber, eine Realität anzuerkennen, um sie analysieren und eventuell ändern zu können.“
**"Meiner Mutter habe ich es aber auch zu verdanken, dass ich aufs Gymnasium gehen und dann studieren konnte. Sie hat es nie ausdrücklich gesagt, aber ich denke, sie sah in mir jemanden, der mit ihrer Hilfe eine Chance wahrnehmen konnte, die ihr selbst verwehrt blieb. Ihre enttäuschten Träume konnten sich durch mich verwirklichen." (S.75)


Weiterführende Links:

Zurück auf Los: Der Literaturclub im Dezember SRF. Teilnehmer: u.a. Elke Heidenreich, Philipp Tingler

Negative Leidenschaften. Mit „Rückkehr nach Reims“ liefert Didier Eribon eine Selbsterkundung aus der Täterperspektive.
Von Christian Mariotte

D. Eribon: Rückkehr nach Reims
Rezensiert für H-Soz-Kult von Onur Erdur, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Ein neuer Geist von ’68
Die Präsidentschaftswahl in Frankreich führt uns vor Augen, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Sie zeigt aber auch, wie wir es erneuern können. Ein Gastbeitrag von Didier Eribon, 18.4.2017

Aktuell:

Die 'Rückkehr nach Reims'wurde in diesen Tagen von Thomas Ostermeier als Theaterstück adaptiert, in Manchester uraufgeführt und soll im September in Berlin auf den Spielplan kommen:




Montag, 3. Juli 2017

Gelesen: Irène Némirovsky "Suite Francaise"


Klappentext:
Über 60 Jahre lag der Roman "Suite francaise", das Vermächtnis der einstigen französischen Starautorin Irene Nemirovsky, in einem Koffer, bis der Zufall dieses Sittengemälde aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte. "Suite francaise" erzählt mitten aus dem Krieg - als sei die Zeit angehalten. Der erste Teil "Sturm im Juni" schildert die Zeit im Sommer 1940, als die deutsche Armee vor Paris steht und die Bewohner fluchtartig die Stadt verlassen. Der zweite Teil "Dolce" spielt 1942 in einem von den Deutschen besetzten Dorf in der Provinz. Irene Nemirovsky hält in ihrem Roman Frankreich einen Spiegel vor. Mit luzidem psychologischen Blick beobachtet sie ihre Mitmenschen, beschreibt Niedertracht und Selbstgefälligkeit, Hoffnung und Illusion, Lebensgier und die große Sehnsucht nach Frieden. 

Der erste Teil ("Sturm im Juni") des ursprünglich auf fünf Teile angelegten Werkes, ist eine eindrucksvolle Darstellung des Zusammenbruchs Frankreichs im Frühsommer 1940, der chaotischen Flucht aus dem gefährdeten Paris und dem Zerfall jeglicher sozialen Ordnung und Humanität, dargestellt anhand verschiedener sozialer Phänotypen (die Bankiersfamilie Pericand, die aufrichtigen Michauds, der dekadente Dichter Gabriel Corte und seine Mätresse, der Dandy Langelet). 

Ich musste beim Lesen immer wieder an ein anderes Buch denken, das ich kurz zuvor gelesen habe: Emile Zola, Der Zusammenbruch, das den 1870/71er-Krieg,und vor allem die Schlacht bei Sedan, zum Inhalt hat. Auch bei Zola steht die militärische Niederlage, das völlige Versagen der politischen Führung und der soziale und moralische Verfall führender Gesellschaftsklassen im Mittelpunkt des Romans. Wie Zola ist auch Irène Némirovsky unmittelbar Augenzeuge der Ereignisse und berichtet sozusagen embedded fotografisch genau, geradezu dokumentarisch über das Ausmaß der Katastrophe, die Frankreich innerhalb von 70 Jahren zweimal hinnehmen musste. 

Der 2. Teil, "Dolce", schildert den Alltag und das Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern im Jahr nach der Niederlage in einem französischen Dorf in der besetzten Zone.  Am meisten hat mich die nahezu durchweg positive Darstellung der deutschen Besatzer überrascht und gleichzeitig irritiert. Nicht grau-grüne Masse sondern individualisierte Vertreter der Besatzungsmacht werden dem Leser präsentiert, physisch attraktiv, diszipliniert und höflich, und in einem Fall im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert.  Dagegen ist die Einstellung gegenüber manchen Einheimischen (hier vor allem in Gestalt der Montorts und Labarins), weiterhin ablehnend. Letzteres resultierte sicher daraus, dass sich Irene L. als emigrierte Russin und Jüdin, trotz ihrer Konversion zum Katholizismus, vom Vichy-Frankreich verraten und verkauft fühlte - und auf grausame Weise Recht bekam in diesem Gefühl.

Irène hat hier sehr bewusst ihr Lebensmotto literarisch umgesetzt, wie man im Anhang des Buches (S.447) lesen kann: 
"Hiermit schwöre ich, daß ich meinen Groll, so gerechtfertigt er sein mag, nie mehr auf eine Masse von Menschen übertragen werde, unabhängig von Rasse, Religion, Überzeugung Vorurteilen, Irrtümern. [...] Individuen dagegen kann ich nicht verzeihen, denjenigen, die mich verstoßen, denjenigen, die uns kaltblütig fallenlassen, denjenigen, die bereit sind, dir gegenüber jede Gemeinheit zu begehen."
I.R. war nicht naiv. Drei Tage zuvor, am 25. Juni 1941, schreibt sie sarkastisch in ihr Notizbuch: "Ich habe meinen Füller verloren. Es gibt noch andere Sorgen wie z.B. drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw." Sie ahnte, was ihr bevorstand.

Was die Faszination angeht, die die jungen Soldaten und Offiziere auch auf I.R. ausübten, die Ästhetisierung des Militärischen, war sie damals nicht alleine auf weiter Flur. Ich erinnere mich noch sehr gut an die schockierende Lektüre von Sartres tagebuchartigem Roman "Der Pfahl im Fleische" in den späten 80er Jahren. Ich hatte die Stelle markiert, die mir so ungeheuerlich vorkam:
"Daniel hörte in der Ferne Militärmusik, es kam ihm vor, als füllte sich der Himmel mit Fahnen, und er musste sich an eine Kastanie lehnen. Allein auf diesem langen Boulevard, einziger Franzose, einziger Zivilist, und die gesamte feindliche Armee sah in an. Er hatte keine Angst, er überließ sich vertrauensvoll diesen Tausenden von Augen, er dachte: Unsere Sieger!', und Wollust umfing ihn. Er erwiderte kühn ihren Blick, er mästete sich an diesen blonden Haaren, diesen wettergebräunten Gesichtern, in denen die Augen wie Gletscherseen wirkten, an diesen schmalen Taillen, diesen unglaublich langen und muskulösen Schenkeln. Er murmelte: 'Wie schön sie sind!'*
(Es gibt vielfältige Äußerungen dieser, oft unverkennbar homo-erotischer Art, wie durch eine französische Studie aus dem Jahr 2010 bekannt wurde; siehe http://www.deutschlandfunk.de/erotische-invasion-der-wehrmacht.691.de.html?dram:article_id=51834  Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Sartre keinerlei Sympathie gegenüber den deutschen Besatzern hegte!)
* Jean-Paul Sartre, Der Pfahl im Fleische. Rowohlt, Hamburg, Erste Auflage der Neuübersetzung Februar 1988, S.93

Ein familienbiographischer Schlenker:
Geschichte wiederholt sich ja gerne, und so auch in diesem Fall. In meiner Heimatstadt Rastatt notiert ein katholischer Pfarrer nach dem Einmarsch der französischen Armee im Sommer 1945 notiert:
"Nach wenigen Tagen gab es unter den Frauen und Mädchen genügend "Freiwillige", sodaß die Vergewaltigungen bald nachließen! - Es ist eine vernichtende Verurteilung der vielgeprießenen "Deutschen Ehre", wenn ein geflügeltes Wort unsere Feinde sprechen läßt: "Um den deutschen Soldaten zu besiegen, brauchten wir 6 Jahre; um die deutsche Frau zu besiegen, genügt 1 Tag!". - In ganz würdeloser Weise haben leider auch Frauenpersonen aus unserer Pfarrei sich den Besatzungs-Soldaten " in die Arme geworfen".
Meine Mutter dazu: "Man muss das verstehen: Alle hatten ungeheuren Hunger, nach Brot, nicht unbedingt nach Liebe, und deshalb kam es zu den vielen Kontakten und zu vielen Heiraten zwischen deutschen Frauen und französischen Soldaten. Ich verurteile das nicht."
(Meine Familie blieb von der Fraternisation  ebenfalls nicht unberührt, wie ich schon im Blog vom 12. Mai schrieb: http://reinerw.blogspot.de/2017/05/la-france-franzosisch-and-me-eine.html) 


Alles in Allem: Das Buch ist verstörend, weil die Autorin Klischees vermeidet und selbst bei den Besatzern Menschlichkeit sieht, und es ist tragisch, weil ihr das letztlich nichts genützt hat. Sie wurde von dem gleichen System ermordet, in dem sie nur Individuen erkennen wollte – fast genau ein Jahr nach dem chronologischen Ende des Romans.

Biographische Notiz-
Irène Némirovsky wurde am 12. Juni 1942 verhaftet und starb am 17. August 1942 in Auschwitz-Birkenau an Entkräftigung.
Ihr Mann Michel Epstein wurde unter der Vichy-Regierung im Oktober 1942 verhaftet und am 6. November von Drancy nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet.
Mehr bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ir%C3%A8ne_N%C3%A9mirovsky
Zu den beiden Romanen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Suite_fran%C3%A7aise