Freitag, 13. Mai 2016

Die Vergangenheit, die nie vergeht

Im April habe ich zwei Bücher eines Autors gelesen, die mich buchstäblich umgehauen haben: Curzio Malapartes Kaputt und Die Haut.




Malaparte (1898 - 1957) war italienischer Faschist, unter Mussolinie Redakteur und später als Kriegsberichterstatter auch in Deutschland, Finnland und Rußland unterwegs; schließlich, nach der Kapitulation Italiens, Verbindungsoffizier zu den amerikanischen Streitkräften. Mehr zu Curzio Malaparte findet man selbstverständlich bei Wikipedia: Klick


In  Kaputt (1944) findet man erlebte und erfundene Geschichten von den Kriegsschauplätzen in Rumänien, Russland, Polen und Finnland. In Die Haut (1949) berichtet er vom Einmarsch der amerikanischen Armee in Neapel. Beide Bücher wurden schon sehr früh ins Deutsche übertragen.


Was tatsächlich von Malaparte erlebt wurde und was erfunden war, bleibt offen. Manches ist leicht der dichterischen Phantasie zuzuordnen, so in Kaputt ein kurioser Intermezzo mit Himmler in einer Sauna oder abendliche Gelage mit dem Kriegsverbrecher Erich Koch, Chef der eroberten polnischen und unkrainischen Gebiete, anderes aber nahe an der Wirklichkeit, so der Bericht über ein Pogrom in einem rumänischen Städtchen.

Dass gerade bei letzterem Malaparte nichts erfinden musste kann man einem deutschen Bericht des Gebietskommissars von Sluzk, Heinrich Carl, an den Generalkommissar von Minskaus dem Jahr 1941 entnehmen, der zu einer "Polizeiaktion" des Polizei-Bataillons Nr. 11  Stellung nimmt. 
Der Bericht hat Eingang in den "Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 14. November 1945 - 1. Oktober 1946" gefunden:Dokument 1104-PS 
Dort heißt es S.6:
»Was im übrigen die Durchführung der Aktion anbelangt, muß ich zu meinem tiefsten Bedauern hervorheben, daß letztere bereits an Sadismus grenzte. Die Stadt selbst bot während der Aktion ein schreckenerregendes Bild. Mit einer unbeschreiblichen Brutalität sowohl von seiten der deutschen Polizeibeamten, wie insbesondere von den litauischen Partisanen, wurde das jüdische Volk, darunter aber auch Weißruthenen aus den Wohnungen herausgeholt und zusammengetrieben. Überall in der Stadt knallte es und in den einzelnen Straßen häuften sich die Leichen erschossener Juden. Die Weißruthenen hatten größte Not, um sich aus der Umklammerung zu befreien. Abgesehen davon, daß das jüdische Volk, darunter auch die Handwerker, furchtbar roh vor den Augen des weißruthenischen Volkes brutal mißhandelt worden ist, hat man das weißruthenische Volk ebenfalls mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben bearbeitet. Von einer Judenaktion konnte schon keine Rede mehr sein, vielmehr sah es nach einer Revolution aus.... Abschließend sehe ich mich gezwungen, darauf hinzuweisen, daß von dem Polizeibataillon während der Aktion in unerhörter Weise geplündert worden ist, und zwar nicht nur in jüdischen Häusern, sondern genau so in den Häusern der Weißruthenen. Alles Brauchbare, wie Stiefel, Leder, Stoffe, Gold und sonstige Wertsachen haben sie mitgenommen. Nach Angaben von Wehrmachtangehörigen wurden den Juden öffentlich auf der Straße die Uhren von den Armen gerissen, die Ringe in brutalster Weise von den Fingern gezogen. Ein Oberzahlmeister erstattet die Meldung, wonach ein jüdisches Mädchen von der Polizei aufgefordert worden sei, sofort 5000 Rubel zu holen, dann würde ihr Vater freigelassen. Tatsächlich soll dieses Mädchen überall umhergelaufen sein, um das Geld zu besorgen.«
Und weiter: 
"Bei der Erschießung vor der Stadt bin ich nicht zugegen gewesen. Über die Brutalität kann ich daher nichts sagen. Es dürfte aber auch genügen, wenn ich hervorhebe, daß Erschossenene längere Zeit nach Zuwerfen der Gräben sich wieder herausgearbeitet haben." (S.7)
Quelle: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof (...), Band 27 : Urkunden und anderes Beweismaterial, Nr. 1104-PS bis Nr. 1739-PS.-- Nuremberg International Military Tribunal 1948. S.1-8
Verhandlungstext im Internet mit Auszügen der Dokumente: Klick


Ebenfalls souverän die Grenze zwischen Realismus und Surrealismus verwischend, den Leser mal verwirrt, mal ärgerlich, aber immer fassungslos zurücklassend ist sein Roman "Die Haut", der insbesondere die Neapolitaner erzürnte: 
"Einstimmig hat das Stadtparlament von Neapel den Verfasser Curzio Malaparte in Acht und Bann erklärt. Wegen böswilliger Verleumdung einer Millionenstadt."
DER SPIEGEL 10/1950 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447702.html

Auch hier Erfundenes, Erlebtes, Ungeheures, ein artistisches Spiel mit dem Schrecken, rücksichtslos zynisch, schonunglos selbstkritisch bis hin zur Selbstzerstörung - aber alles in allem ein großartiges Stück Literatur, mit Szenen wie von Goya oder Hieronymus Bosch gemalt, realistisch und grausam wie die Wirklichkeit.

Malaparte schreibt im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe von Kaputt"Wie wird also dieses mein Buch jetzt in Deutschland aufgenommen werden? Es wird nicht nur als das aufgenommen werden, was es wirklich ist, nämlich ein antinazistisches Buch, sondern auch als das, was es nicht ist, nämlich ein antideutsches Buch". 
Im Nachwort zur neuen Ausgabe heißt es, Friedrich Sieburg habe bestritten, dass es kein antideutsches sondern ein antinationalsozialistisches Buch sei. Diese Behauptung ist so sicher falsch, wie sie für den ehemaligen Nazi Sieburg verständlich ist.

Ich kenne nur zwei wirkliche Antikriegsbücher: "Die Haut" und "Kaputt".

Fußnote
Malaparte wurde europaweit verklagt für Aussagen aus seinen Büchern Kaputt und Die Haut; einen kuriosen Prozess gab es auch 1953 vor dem Karlsruher Amtsgericht: Malapartes Visionen



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