Montag, 30. Januar 2017

Lust zu Lesen #2: Wie es weiterging

Sabine hat mich gefragt, welche Bücher mich am meisten beeinflusst haben, bei welchen Büchern es sozusagen geklickt hat beim Lesen und das Bedürfnis entstand, auf Anspruchsvolleres als Pabel-Romane, Hör Zu und Bild am Sonntag umzuschwenken.
Vielleicht damit?

Wie man in der Vergrößerung sehen kann: Eine durchaus produktive Auseinandersetzung mit der Schullektüre!

Nein, es sind nicht die vielen Reclam-Heftchen, die wir im Deutschunterricht der Realschule (damals: Mittelschule) lesen und durcharbeiten müssen.

Und es sind auch nicht die Taschenbücher aus dem Rowohlt Verlag, die ich mir - aus freiwilligen Stücken! - für ein Referat bzw. für eine Abschlussarbeit anschaffe:

Der erste Roman, der mich wirklich umhaut, ist:

Ich bin Lehrling (heute: 'Auszubildender') in Ingelheim, und was mich am meisten am Roman fesselt ist die ungebremste Freiheitsliebe, die aus den atemlos gesprochenen Sätzen Jack Kerouacs spricht, die Lust am ungezügelten Leben und die Möglichkeit, sich einfach auf und davon machen zu können um dieses freie Leben zu genießen. Für einen Laborantenlehrling, der sich jeden Morgen unausgeschlafen am Gestank der Melasseproduktion vorbei zu seinem Arbeitsplatz schleppt, eine naheliegende Reaktion.

Kerouac begann seine Reise 1949, das Jahr meiner Geburt. Ich bin 17, als ich sein Buch lese und will in Zukunft nur noch schreiben wie Jack Kerouac.

In den folgenden Jahren habe ich das Buch immer wieder gelesen und jedesmal fühlte ich mich in meine Jugendzeit versetzt. 

Mit Kerouac beginnt auch das, was ich Lesekreise oder Lesewelten nenne: Nicht nur das einzelne Buch, sondern alles drumherum interessiert mich, und das heißt, möglichst viel aus dem Umfeld abzugrasen um den Autor, seine Freunde und die Welt, in der er sich bewegte, völlig in mich aufzunehmen. 
Jedes Buch soll Stein eines Mosaiks sein, das mir die Welt erklären kann.
Meine Mutter war dann immer wieder erstaunt, welch seltsame Bücher ich mir zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschte.
Ein anderes Buch bietet Vorwand meinen Lehrvertrag nicht in einen regulären Arbeitsvertrag umzuwandeln. Mein Laborchef, ein Dr.-Pharmazeut, der in seinem Glaskasten immer die BILD-Zeitung liest, erwischt mich, wie ich während der Arbeitszeit aus meiner Schublade ein sehr anstößiges Buch hervor ziehe  - und schwärzt mich im Personalbüro an:
Monate später wird mir doch ein Arbeitsvertrag angeboten - von meinem hohen Ross herunter lehne ich ab; ich habe schon eine feste Zusage zur Aufnahme im Hessenkolleg Wiesbaden.
Noch als Lehrling muss ich für eine Woche ins Ingelheimer Krankenhaus. Die Mandeln werden herausgenommen. Viel Zeit zum Lesen - und wieder öffnet sich eine neue Welt:

Eine Woche dämmere ich vor mich hin, und wenn ich aufwache gibt es Tee, Eiscreme und Ulysses. In Zukunft will ich nur noch wie James Joyce schreiben.
Jahre später habe ich eine Verfilmung des Romans gesehen, kann mich aber nur noch an den Anfang ('Gravitätisch kam der dicke Buck Mulligan vom Austritt am oberen Ende der Treppe,...') und das Ende ('und ja ich sagte ja ich will ja') erinnern, dazwischen war ich eingeschlafen. Den Roman dagegen habe ich noch dreimal gelesen - immer im Abstand von ca. 10 Jahren.
Ich beginne dann doch nicht wie Jack Kerouac oder James Joyce zu schreiben sondern - die Zeiten sind 1970 so - wende mich einem ganz anderen Genre zu:

Das Lehrbuch wurde mir (mit anderen Büchern) aus Ost-Berlin zugesandt, nachdem ich beim ZK der SED höflich danach gefragt hatte, die Werke Mao Tse-Tungs kamen direkt aus Peking vom Verlag für fremdsprachige Literatur (zusammen mit ca. 500 Exemplaren der 'Mao-Bibel' in 20 kleinen Päckchen), ein Buch wurde in einem linken Buchladen geklauft und die anderen waren teilweise Raubdrucke, aber auch reguläre Bücher, die man in linken Buchhandlungen kaufen konnte.
Am Hessenkolleg Wiesbaden sollen wir unsere eigene Geschichte anhand dieses Buches reflektieren:
Ich mochte das Buch sehr. Erst später wird mir klar, welch zweideutig, verlogenen Schluss es hat, und von da an meide ich Kant.

Linke Literatur, Arbeiterliteratur, Literatur aus der Volksrepublik China ist das, was mich (und viele andere Stipendiaten am Hessenkolleg) interessiert - und das können wir auch: Arbeitswelt verstehen.


Es hätte so bleiben können, wenn uns nicht der Deutschlehrer gezwungen hätte, über die Sommerferien Dr.Faustus von Thomas Mann zu lesen. 

Der vordergründig betuliche Ton des Buches und seine mäandernde Sprache verstören mich nachhaltig. Ist das jetzt Bildung? Mir wird klar, wie Thomas Mann werde ich nicht schreiben können.

Als ich feststelle, dass die Schullektüre von Heinrich Manns Der Untertan unter meinem Blickwinkel zur marxistischen 'Klassenanalyse' degeneriert, ist es aus mit der linken Literatur.
Nachhaltig helfen mir dabei Wolfgang Leonhard und Arthur Koestler:

Nach dem Abschluss des Hessenkollegs und mit Beginn des Studiums betrete ich eine neue Lesewelt: Frankreich. Davon später mehr!

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